Pädagogisches Konzept des Waldkindergartens Berglöwen und Waldelfen Grafenaschau e.V.
Glaube mir, denn ich habe es erfahren,
du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern.
Bäume und Steine werden dich lehren,
was du von keinem Lehrmeister hörst.
(Bernhard von Clairvaux)
Liebe Eltern, liebe Waldkindergartenfreunde,
für die Vormittagsstunden vertrauen Sie uns Ihr Kind an und wir wollen, dass es sich in dieser Zeit wohl und geborgen fühlt. Als familienergänzende Einrichtung wollen wir Ihr Kind auf seinem Weg zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit begleiten. Um diese hohe Zielsetzung zu erreichen, ist eine freundschaftliche, offene und ehrliche Atmosphäre wichtig, denn nur sie ermöglicht eine gute Zusammenarbeit zwischen Ihrem Kind, Ihnen und uns. Wir laden Sie deshalb ein, unser pädagogisches Konzept aufmerksam zu lesen. Es wird Ihnen Einblicke verschaffen in unseren Verein, unseren Wald, die Ziele unserer Arbeit und den Tagesablauf der Kinder.
Gesetzliche Grundlagen
Unser Waldkindergarten Berglöwen und Waldelfen Grafenaschau e.V. ist eine Elterninitiative in freier Trägerschaft und wird durch den gleichnamigen Verein betrieben. Wir sind seit Dezember 2008 ein staatlich anerkannter Waldkindergarten und arbeiten angelehnt an den "Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung"1. Unser Kindergarten geht aus dem Waldkindergarten Eschenlohe "Berglöwen und Waldelfen e.V." und aus der Initiative engagierter Eltern hervor.
Leitgedanken unserer Arbeit
Im Mittelpunkt unserer pädagogischen Arbeit stehen die Persönlichkeit des Kindes und seine Bedürfnisse. Der Aufenthalt in Wald und Natur kann unserer Meinung nach diesen Bedürfnissen am besten gerecht werden, weil
- der natürliche Bewegungsdrang der Kinder befriedigt wird,
- der Wald die Gesundheit fördert,
- er alle Sinne anspricht,
- er die Kreativität und Phantasie fördert,
- er uns ein unglaublich vielfältiges Betätigungsfeld bietet,
- wir in der Natur viel Interessantes lernen können,
- Kinder ihre körperlichen Grenzen erfahren wollen,
- Kinder vom geraden Weg abweichen wollen,
- die Farben des Waldes einladen,
- das Wetter verschiedene Stimmungen in uns erzeugt
Organisationsaspekte
Besonderheiten unseres Aktionsraums
Unser Kindergarten findet in der freien Natur nahezu bei jedem Wetter statt. Ein wunderschöner unbegrenzter Eschen - Buchenmischwald am Fuße des Hörnles steht uns täglich zum Erkunden zur Verfügung. Gesäumt wird das Hauptgebiet auf der Südseite von einer langen Kastanienallee, auf der Nordseite durch den kühlen Gebirgsbach "Lahne". Ein großes Tipi gibt uns eine behütende Begrenzung für unsere gemeinschaftliche Brotzeit, Geschichten und Kreisspiele. Unser geräumiger, beheizbarer Bauwagen dient uns zum Aufwärmen bei widrigen Witterungsbedingungen und zur Aufbewahrung von Montessori- und Vorschulmaterialien, Mal- und Bastelutensilien, Büchern und Spielen. Bei Sturm oder Gewitter steht uns ein großer Raum im Feuerwehrhaus zur Verfügung.
Die Gruppe
Die Kindergruppe ist klein (maximal 15 Kinder zwischen 2 ½ und 6 Jahren; Ausnahmen regelt die Kindergartenordnung) und möglichst heterogen. So fühlen sich auch die Kleinsten in einer familienähnlichen Atmosphäre geborgen. Für die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen ist die Gruppe offen. Unsere Erzieherinnen haben beide Erfahrung mit Kindern mit Behinderung.
Pädagogisches Personal
Die Gruppe wird derzeit von zwei erfahrenen Erzieherinnen betreut. Zu ihren Qualifikationen gehören eine Montessori-Ausbildung und eine Sprachförderungsausbildung (KIKUS). Beide sind Mütter von drei Kindern. Im Krankheitsfall oder bei Fortbildungen des Personals werden die Fachkräfte durch Eltern unterstützt. Zeitweise werden auch Praktikantinnen aus verschiedenen Schulen eingesetzt.
Ziele und Aufgaben
Geborgenheit
Der Kindergarten stellt oftmals die erste nicht-familiäre Betreuungsform im Erleben eines Kindes dar. Für Kinder ist es sehr wichtig, dass sie sich dort geborgen fühlen. Dies kann am besten durch die Betreuung in kleineren Gruppen mit einem hohen Betreuungsschlüssel vermittelt werden. Die Gruppengröße soll 15 Kinder daher nicht übersteigen. Für 15 Kinder sind zwei erfahrene Fachkräfte angestellt. Kleine Kindergartenkinder benötigen viel Aufmerksamkeit und menschliche Wärme, um sich wohl zu fühlen.
Sinnesschulung, Kreativität und Phantasie
Im Wald haben die Kinder die Möglichkeit, die meist leisen Geräusche der Natur wahrzunehmen (Vogelgezwitscher, Wasserplätschern, Wind und Regen). Hier können sie auch die wohltuende Stille der Natur erfahren. Untersuchungen zeigen, dass der Lärmpegel, der in geschlossenen Kindergartenräumen häufig erreicht wird, gesundheitsschädlich ist und oftmals eine unterschätzte Stressbelastung für die Kinder als auch für das Personal darstellt. Der Wald bietet viele Anreize, sich mit ihm auseinanderzusetzen und kreativ tätig zu werden. Die Kinder können mit den verschiedensten Naturmaterialien (Holz, Erde, Sand, Lehm, Wasser, Steine, Schnee, Moos, Blätter, Wurzeln, Blüten, Früchte) phantasievoll spielen und gestalten, ohne durch die Fülle überfordert zu werden. Im Gegenteil, die Natur wirkt der häufigen Reizüberflutung in unserer heutigen Gesellschaft entgegen.
Bewegung und Gesundheit
Der Waldkindergarten ist bewegungs-, sinnes-, und körperbetont. In unserer heute stark begrenzten Lebenswelt bietet er Freiraum für grobmotorische Bewegungsmöglichkeiten, Körpererfahrung und auch für ein Stück Wildheit. Bewegungsmangel ist neben psychischen Belastungen, wie Überforderung oder Probleme im Elternhaus, der größte Risikofaktor für Verhaltensauffälligkeiten. In der sensiblen Phase der frühen Kindheit wirkt sich Bewegungsmangel negativ auf die Hirnentwicklung aus. Toben, Rennen, Klettern, Balancieren, Werfen, Hüpfen und andere spontane Bewegungen führen zu neuen Verknüpfungen in der Hirnstruktur und sind durch nichts zu ersetzen. Das erklärt vielleicht auch, warum Waldkinder bei einer groß angelegten Studie2 zur Schulfähigkeit durchweg besser abschnitten als die Vergleichsgruppe, die Regelkindergärten besucht hatte. Viel Bewegung an der frischen Luft, bei Wind und Wetter stärken das Immunsystem. Die Waldluft ist durch ihre hohe Luftfeuchtigkeit besonders für Kinder mit Atemwegserkrankungen heilsam.
Freiräume
Kinder wollen vom geraden Weg abweichen. Sie suchen mit allen Sinnen ihren eigenen Weg. Sie verlassen vertraute Pfade und suchen die Herausforderung und das Hindernis, um dabei sich selbst und die umgebende Welt lustvoll zu spüren. Im Wald durch ein dunkles Dickicht schlüpfen, jeden umgestürzten Baumstamm zum Balancieren nutzen, absichtlich in eine Pfütze hüpfen. Kinder werden von solchen Freuden angezogen. Kinder brauchen Freiräume, in denen sie sich selbst erproben und erfahren können. So lernen sie als Kinder und später als Erwachsene handlungsfähig zu sein.
Umwelterziehung
Der Aufenthalt in der Natur sensibilisiert die Kinder für die natürlichen Zusammenhänge, für unsere Erde und Mitgeschöpfe. Die Kinder erleben Werden und Vergehen als natürliche Prozesse im Jahreskreis. Ereignisse, wie zum Beispiel das Begraben eines toten Tieres integrieren sich wie von selbst in den Kindergartenalltag in der Natur, sodass der Lebenskreis für die Kinder erfahrbar wird. Wir sehen uns als einen Teil der Natur, gehen mit ihr respektvoll um, aber nutzen sie auch für unsere Spiele (z.B. Bau eines Unterschlupfes mit Moosdach).
Werteerziehung
Unser Kindergarten ist nicht an eine Konfession gebunden. Wir feiern jedoch viele christliche und aus unserem Kulturkreis stammende Feste im Jahreskreis. Wir sind auch für Feste und Bräuche aus anderen Kulturen offen. Der Respekt gegenüber anderen Meinungen und Religionen wie auch gegenseitige Hilfsbereitschaft und Achtsamkeit den anderen Kindern bzw. Mitmenschen gegenüber gehören zu unseren wichtigsten Zielen. Wir wollen die uns anvertrauten Kinder zu einer lebensbejahenden freudvollen Grundhaltung führen.
Vorschulerziehung
Vorschulerziehung heißt für uns, die Kinder während der ganzen Kindergartenzeit auf die Schule vorzubereiten. Wir möchten den Kindern Freude am Lernen vermitteln, ihre Neugierde an ihrer Umwelt wecken und ihnen die Voraussetzungen für Schulfähigkeit schaffen. Sie entwickeln grob- und feinmotorische Fähigkeiten, malen, können sich ausdrücken, ihre Argumente vorbringen, Kompromisse aushandeln und sich in einen Gruppenprozess einfügen, ohne jedoch die eigenen Interessen aus den Augen zu verlieren. Dies alles und noch mehr lernen sie bei uns für das Leben und somit auch für das Leben in der Schule.
Einmal wöchentlich für 1-2 Stunden nehmen wir uns speziell für die Kinder im letzten Kindergartenjahr Zeit. Wir überlegen uns dafür ganzheitliche Aktionen und Experimente bei denen die Kinder selbst aktiv und kreativ werden können. Inhalte dieser Intensivförderung sind Grundfertigkeiten wie Schneiden, richtige Stifthaltung, Kleben, Namen schreiben, Schleife binden, Formen erkennen, Argumentieren, Diskutieren, mögliche Lösungen/Erklärungen für natürliche Phänomene finden, Fragen stellen und sich für eine gewisse Dauer konzentrieren lernen.
Zusammenarbeit Eltern - Erzieher
Für unsere pädagogische Arbeit sind uns das Vertrauen und das Interesse der Eltern sehr wichtig. Denn wir möchten mit ihnen gemeinsam die besten Voraussetzungen für die Entwicklung der Kinder schaffen. Dies wollen wir realisieren durch persönliche Gespräche mindestens ein- bis zweimal pro Kindergartenjahr, so genannte "Bring- und Abholgespräche", Aushänge in unserem "Fenster zum Wald" (Schaukasten mit Fotos und Inhalten der letzten Wochen), Elternbriefe und Elternabende, Hospitationen der Eltern im Wald (nach Absprache), durch gemeinsame Feste und unser beliebtes Hüttenwochenende.
Elternmitarbeit
Die Elternmitarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Kindergartens. Arbeitsgruppen der Eltern zu bestimmten Themen, die Vorbereitung von Festen, Märkten und Aktionen sowie die Selbstorganisation des Kindergartens durch die Eltern prägen den Kindergarten. Häufig fühlen sich die Eltern dadurch sehr stark mit dem Kindergarten verbunden, was auch die Zugehörigkeit der Kinder zu ihrem Kindergarten stärkt. Die Familie bekommt so die Möglichkeit eine sehr enge Verbindung und einen fruchtbaren Austausch herzustellen.
Tagesablauf
Nachdem sich die Kinder vollständig versammelt haben, beginnt der Morgenkreis mit Begrüßung der Kinder und unserem Waldlied.
Freispiel
Dann entscheiden wir gemeinsam mit den Kindern, wo unsere Freispielzeit beginnt (am Fluss, auf der Wiese, an der "Burg", bei den Moossteinen, am Schlittenberg). Das Freispiel hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert und nimmt den größten Teil der Gruppenzeit in Anspruch. Das Spiel, insbesondere das Freispiel, ist die angemessene Form kindlicher Auseinandersetzung mit der Welt. Im Spiel verarbeiten Kinder ihre Eindrücke, entwickeln Fähigkeiten und Fertigkeiten. Sie suchen selbst aus, was sie mit wem, wo und wie lange spielen wollen.
Gezieltes Angebot während der Freispielzeit
Neben dem Freispiel haben die Kinder die Möglichkeit, an freiwilligen gezielten Angeboten teilzunehmen. Wir arbeiten:
- mit Wolle (Filzen, Weben mit Webrahmenbau, Färben, Legen von Wollbildern, ...)
- mit Holz (Bemalen von Holz, freies Nageln, Sägen, Feilen, Raspeln, Bau von Musikinstrumenten, Nistkästen, Spielzeugen, ...)
- mit Papier (Malen auf Papieren mit unterschiedlichen Formaten und Beschaffenheiten, Schneiden, Kleben, Falten, ...)
- mit Lehm, Steinen und Sand (Bemalen von Steinen, Töpfern, Dammbauten im Flussbett, freies Modellieren an der Lehmgrube, ...)
- mit Schnee und Eis (Iglus, Schneeburgen, -figuren, Landart, Experimente, ...)
- als Waldgärtner (Setzen von Bäumchen, Blumenzwiebeln, ...)
- als Köche (Mehl malen in der Handmühle; Gemüse und Obst putzen, schneiden, kochen; Teig kneten, rollen, ausstechen; Kräuteröle, -cremes herstellen)
Die gemeinsame Brotzeit findet meist im Tipi statt. Manchmal auch auf dem Waldboden, bei starker Kälte auch mal im Bauwagen. Wir beginnen gemeinsam nach einem Brotzeitspruch/ Lied oder Gebet. Wir achten auf gesunde Ernährung. Bei Geburtstagsfeiern oder Festen gibt es ausnahmsweise Kuchen. Eine umweltfreundliche Verpackung der Brotzeit versteht sich von selbst. Diese gemeinsame Zeit nutzen wir auch um eine schöne Gesprächskultur zu entwickeln (erzählen, zuhören, ausreden lassen, gemeinsam lachen).
Vormittagskreis
An die Brotzeit schließt sich der Vormittagskreis an. Diesen beginnen wir meist mit einer Geschichte, die zur Jahreszeit oder zur aktuellen Thematik passt. Dort singen wir Lieder, spielen Kreissingspiele und Fingerspiele, reimen und rätseln und besprechen wichtige Dinge. Daran schließt eine zweite Freispielzeit an, in der wieder gezielte Angebot stattfinden können.
Abschlusskreis
Wir beschließen den Vormittag, indem wir unsere Materialien und Werkzeuge aufräumen und uns in einem gemeinsamen Lied voneinander verabschieden.
Ausflüge
Um den Kindern die Vielfältigkeit ihrer sozialen Umwelt zu vermitteln und ihnen Einblicke in verschiedene Berufsfelder zu gewähren, unternehmen wir Ausflüge, z.B.:
- Polizei
- Feuerwehr
- UKM
- Bäcker
- Bauernhof
Wir hoffen, dass Sie unser Konzept angesprochen hat und unsere Begeisterung für die Waldpädagogik überspringt.
Zitierte Literatur:
1 Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen (Hrsg.) Staatsinstitut für Frühpädagogik (Hrsg.): Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung.
2 Häfner, P.: Natur- und Waldkindergärten in Deutschland. Eine Alternative zum Regelkindergarten in der vorschulischen Erziehung; 2002 Dissertation Uni Heidelberg
Weiterführende Literatur:
Brändlein, K. Grafberger, U.: Naturwerkstatt Wald ISBN 978-3-03800-497-4
Cornell, J.B.: Mit Kindern die Natur erleben, Verlag an der Ruhr, Mülheim, 1991.
Kutik,C. Ott-Heidmann, E.-M.: Das Jahreszeitenbuch ISBN 978-3-7725-0884-4
Schede, H.G.: Der Waldkindergarten auf einen Blick ISBN 3-451-27403-5